Die meisten Unternehmer optimieren gerade ihr Pferd
Strategie

Die meisten Unternehmer optimieren gerade ihr Pferd

18. April 2026
8 Min. Lesezeit
Chris Perkles

Ich sitze diese Woche in drei Meetings mit österreichischen Unternehmern. Alle drei haben Projekte auf dem Tisch, die vor achtzehn Monaten richtig waren. Alle drei merken nicht, dass sie heute falsch sind.

Das ist nichts Persönliches. Das Problem ist strukturell. Die Welt hat sich unter ihren Füßen verschoben, und die Geschwindigkeit, mit der sie sich weiter verschiebt, ist höher als die Geschwindigkeit, mit der eine normale Unternehmensführung Informationen verarbeitet. Ich möchte in diesem Text zeigen, warum das so ist, was die Menschen, die näher an der Quelle sitzen, gerade darüber sagen, und was das für einen österreichischen Unternehmer konkret bedeutet.

Die Kurve, die niemand sieht

Fangen wir bei dem an, der das am klarsten ausspricht. Dario Amodei, CEO des KI-Labors Anthropic, hat im Januar 2026 einen rund zwanzigtausend Wörter langen Essay mit dem Titel The Adolescence of Technology veröffentlicht. Sein Hauptargument ist beunruhigend einfach: Die öffentliche Wahrnehmung von KI schwanke zwischen "das Ding ist an der Wand" und "alles wird in sechs Monaten umgekrempelt", aber hinter diesem Lärm habe es "einen gleichmäßigen, unaufhörlichen Anstieg der kognitiven Fähigkeiten von KI" gegeben.

"Gleichmäßig" ist hier kein Trostwort. Es heißt: kein Einbruch, keine Pause, keine Sättigung. Die Kurve, die 2022 mit ChatGPT für die Öffentlichkeit sichtbar wurde, steigt mit derselben Steigung weiter. Nur dass sie inzwischen viel höher verläuft.

Amodei liefert dazu einen Satz, der die eigentliche Dynamik erklärt. "KI schreibt inzwischen einen Großteil des Codes bei Anthropic", schreibt er, "was unser eigenes Tempo substanziell beschleunigt. Dieser Feedback-Loop gewinnt Monat für Monat an Kraft." Das ist der Punkt, den kaum eine Geschäftsführung auf dem Schirm hat: KI baut inzwischen die Werkzeuge, mit denen die nächste KI gebaut wird. Die Kurve baut sich selbst. Und sie wird schneller, nicht langsamer.

Auf die Frage, was das für die Arbeitswelt heißt, antwortet Amodei nicht mit Nebelkerzen. Er prognostiziert, dass "KI die Hälfte aller Einsteiger-Jobs im Büro innerhalb von 1 bis 5 Jahren ersetzen könnte, während sie gleichzeitig das Wirtschaftswachstum beschleunigt". Ein System mit der kognitiven Kapazität eines ganzen Landes voller Expertinnen, was er powerful AI nennt, sei "so nah wie 1 bis 2 Jahre entfernt" realistisch möglich. Das ist kein vager Futurismus. Das ist der CEO einer Firma, die eben diese Systeme baut, und der seinen Ruf daran hängt.

Der Mensch, der keinen Code mehr schreibt

Wer Amodei für einen Marketing-Sprecher in eigener Sache hält, sollte Andrej Karpathy zuhören. Karpathy war Gründungs-Mitglied bei OpenAI, danach Director of AI bei Tesla, heute leitet er sein Bildungs-Startup Eureka Labs. Er gehört zu den besten KI-Ingenieuren der Welt, und er hat wirklich nichts davon, den Hype zu befeuern.

Im März 2026 hat Karpathy dem Podcast No Priors ein Interview gegeben, in dem er beiläufig erwähnt, dass er seit Dezember 2025 praktisch keinen Code mehr selbst schreibt. Er "äußert seinen Willen", wie er es formuliert, an KI-Agenten, sechzehn Stunden am Tag. Er programmiert nicht mehr. Er dirigiert.

In einem Nebenprojekt namens AutoResearch hat er einem Agenten ein Modell übergeben, das er über Jahre von Hand optimiert hatte, und ihn über Nacht laufen lassen. Am Morgen hatte der Agent Verbesserungen gefunden, die Karpathy mit all seiner Erfahrung übersehen hatte. Seine Schlussfolgerung ist nüchtern: "Die Fähigkeit, die gerade wertvoll wird, ist Urteilsvermögen. Was delegieren. Wie spezifizieren. Wie schnell reviewen."

Übersetzt in die Sprache eines österreichischen Mittelstands heißt das: Der Anwalt, der seinen Schriftsatz heute noch selbst schreibt, leistet bald denselben Arbeitsschritt, den Karpathy vor einem Jahr geleistet hat. Und er wird, wie Karpathy heute, feststellen, dass ein halbwegs kompetenter Agent den Entwurf fertig hatte, bevor er den Laptop hochgefahren hat.

2026, 2027, das nächste Jahrzehnt

Sam Altman, CEO von OpenAI, hat in seinem Essay The Gentle Singularity einen Kalender für die kommenden Jahre aufgeschrieben, und er tut das ohne die üblichen Absicherungsfloskeln. "2025 brachte Agenten, die echte kognitive Arbeit erledigen. Das Schreiben von Code wird nie mehr dasselbe sein", schreibt er, und diese Aussage deckt sich exakt mit dem, was Karpathy aus seiner täglichen Praxis beschreibt. Was 2026 bringt, formuliert Altman im Präsens: "Systeme, die neue Erkenntnisse finden." Das sind nicht mehr Assistenten. Das sind Werkzeuge, die eigenständig neue wissenschaftliche oder strategische Einsichten produzieren. 2027 schließlich, so Altman, könnte Roboter in der realen Welt bringen. Nicht als Demo auf einer Bühne. Als Teil von Lieferketten, Werkstätten, Pflegeheimen, Restaurants.

Marc Andreessen, der Investor hinter einem guten Teil der amerikanischen Tech-Industrie der letzten zwei Jahrzehnte, hat in seinem 2026-Outlook auf The a16z Show eingeordnet, was das historisch bedeutet. Das sei "die größte technologische Revolution meines Lebens", sagt er, "größer als das Internet. Vergleichbar mit Mikroprozessor, Dampfmaschine, Elektrizität." Dem folgt eine ökonomische Prognose, die für jede Firma relevant ist: Die Kosten für Intelligenz, also der Preis dafür, eine kognitive Aufgabe erledigen zu lassen, werden "wie ein Stein fallen". In sechs bis zwölf Monaten, erwartet Andreessen, werden kleine Modelle dieselben Fähigkeiten haben wie die heutigen Spitzenmodelle. Kostenlos oder fast kostenlos. Direkt auf dem Laptop. Ohne API-Gebühr.

Das ist der Punkt, an dem sich die Geschichte für einen Unternehmer in Salzburg, Linz, Innsbruck oder Graz konkretisiert.

Was das für Österreich heißt

Nimmt man diese vier Stimmen zusammen, und es gibt keinen seriösen Grund, das nicht zu tun, dann sehen viele der Entscheidungen, die gerade in österreichischen Vorstandsbüros getroffen werden, strukturell so aus:

Eine Firma stellt eine neue Marketing-Abteilung ein, während eine Agenten-Pipeline dieselbe Arbeit in einem Bruchteil der Zeit und zu einem Bruchteil der Kosten erledigen könnte. Eine andere investiert sechsstellig in ein CRM-Setup, das drei Vollzeitstellen zur Betreuung braucht, obwohl ein Custom-System mit KI-Automation in zwei bis drei Wochen gebaut wäre. Ein dritter baut ein Content-Team auf, während seine Wettbewerber aus dem Ausland längst mit Text-zu-Video, Text-zu-Bild und Multi-Agenten-Workflows produzieren. Ein vierter kauft Software-Lizenzen pro Sitzplatz, obwohl dieselbe Funktion in sechs Monaten nach Andreessens Rechnung in jedem kleinen Modell kostenlos mitlaufen wird.

Keines dieser Projekte ist schlecht gemacht. Aus der Perspektive von 2022 sind sie alle rational. Aus der Perspektive von 2026 sind sie fragwürdig. Aus der Perspektive von 2028 sind sie strategisch obsolet. Geld, Zeit und Aufmerksamkeit fließen in Pferdezucht, während die Welt längst Führerscheine macht.

Die Nachrichten-Falle

Warum merkt das so wenigen? Weil die Nachrichten selbst das Gefühl vermitteln, man sei informiert. Wer einmal die Woche einen Artikel über ChatGPT liest, hat das Empfinden, dranzubleiben. Und doch ist genau diese Routine der Mechanismus, der die eigentliche Verschiebung unsichtbar macht.

Zwischen zwei Donnerstagen veröffentlichen die Frontier-Labore zusammen fünfzehn, zwanzig, manchmal dreißig neue Fähigkeiten, Modellversionen und Tools. Die allermeisten davon sind Rauschen. Zwei oder drei verändern die Branche. Und diese zwei oder drei stehen selten in den Schlagzeilen, die es in österreichische Newsletter schaffen. Sie stehen in Reddit-Threads, GitHub-Commits, Forschungsarbeiten, Konferenz-Präsentationen, in Twitter-Threads von Leuten wie Karpathy, die von dreitausend Followern gelesen werden und drei Monate später die Arbeitsweise einer ganzen Branche geändert haben.

Wer die Kurve nicht täglich sieht, unterschätzt ihre Steigung. Wer ihre Steigung unterschätzt, plant für die Welt, in der er gerade war, nicht für die, in die sein Markt gerade geht.

Drei Konsequenzen

Lassen Sie mich das konkret machen. Wenn die vier Stimmen in diesem Text Recht haben, und es gibt keinen seriösen Grund anzunehmen, dass sie es nicht haben, dann folgen drei Konsequenzen für jeden, der heute eine Firma führt.

Die erste ist, dass Ihre aktuelle Roadmap mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem substanziellen Teil obsolet ist. Nicht vollständig. Aber "teilweise obsolet" heißt: Sie verbrennen gerade Budget in Richtungen, die in achtzehn Monaten nicht mehr existieren werden. Dieses Geld ist nicht nur verloren, es ist Zeit, die Sie bräuchten, um die Firma zu bauen, die 2028 noch Sinn ergibt.

Die zweite ist, dass Ihr Wettbewerb nicht mehr die Firma nebenan ist. Ihr Wettbewerb ist ein junger Gründer mit drei Agenten und einem Laptop, der in sechs Monaten ein Produkt baut, für das Sie eine ganze Abteilung brauchen. Er sitzt selten in Salzburg. Er sitzt in San Francisco, Lissabon, Dubai, Bangalore. Und er kommt auf Ihren Markt, sobald er die Sprache und die lokalen Eigenheiten übersetzt hat. Dass Übersetzung selbst eine Domäne ist, in der KI inzwischen besser ist als die meisten Menschen, macht die Sache nicht einfacher.

Die dritte ist, dass der einzige ehrliche strategische Move nicht "KI einführen" ist. Der ehrliche Move ist die Frage, wie Ihre Firma aussehen würde, wenn Sie sie heute von Null aufbauen würden, mit allem, was 2026 verfügbar ist. Die Antwort auf diese Frage ist fast immer unbequem. Und sie ist fast immer zu achtzig Prozent die richtige Firma.

Schluss

Ich weiß, dieser Text klingt wie viele andere Texte, die seit drei Jahren geschrieben werden. Aber die vier Menschen, die ich zitiere, klingen nicht mehr wie vor drei Jahren. Sie klingen ernster, spezifischer, präziser. Sie geben Jahreszahlen statt Jahrzehnten. Sie nennen Prozentsätze statt Verheißungen. Sie beschreiben ihren eigenen Arbeitsalltag, der keinem Arbeitsalltag mehr ähnelt, den Sie oder ich vor fünf Jahren kannten.

Wenn der CEO von Anthropic schreibt, dass die Hälfte aller Einsteiger-Jobs im Büro in fünf Jahren oder weniger verschwunden sein könnten, dann ist das keine Prognose mehr. Das ist eine Planungsgrundlage.

Die Welt fährt Auto. Sie können weiter an Ihrem Pferd optimieren. Das Pferd wird schöner, schneller, gesünder werden. Es wird ein sehr schönes Pferd sein.

Aber es wird ein Pferd bleiben.

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Chris Perkles

KI-Berater, Speaker & Workshop-Leiter

Ich helfe Unternehmen dabei, KI strategisch einzusetzen und echte Ergebnisse zu erzielen. Von Workshops bis zur Implementierung - gemeinsam bringen wir Ihre KI-Projekte zum Erfolg.

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